Glockwork Posse

Glockwork Posse

Das UhrwerG tickt

Text: Ursula „Munchy“ Münch
Foto: @sandsackfotografie

Wegen eines Fehlers beim Drucken ist das Feature zu Glockwork Posse in der aktuellen Ausgabe leider unlesbar. Wir haben uns darum entschlossen, den Artikel in voller Länge online zu veröffentlichen:

Es ist kurz vor 4 Uhr, als im Mannheimer Rude 7 die letzten Minuten des „Who Is The German Top Killer?!“-Soundclashs eingeläutet werden. Bereits drei Stunden lang hat ein volles Haus enthusiastisch das Geschehen verfolgt, Ansprachen und Dubplates gelauscht, Lobeshymnen und Beleidigungen bejubelt. Und doch war niemand wacher als jetzt, da die finale Entscheidung ansteht. Einer der beiden Verbliebenen an diesem Sonntagmorgen im Oktober, das Wupptertaler Soundvalley Movement, hat bereits seine letzte Runde absolviert. Jetzt geht es ganz schnell. Während Moderator Jan Haze überleitet, stöpselt Hägi Royal seinen Laptop ein, MC Andi schnappt sich das Mikrofon und verliert keine Zeit. Ein Custommade von The Writer eröffnet den Reigen, es folgen Wyclef Jean, Damian Marley, irgendwann Koffee, Busy Signal und Alkaline. Feuerzeuge schnellen in die Luft, Gaströten ertönen, Handtücher kreisen. Präzises Mixing und gut abgestimmte Speeches wechseln beinahe im Sekundentakt, ehe Buju Banton mit „Sound Fi Dead“ bekräftigt, was zu diesem Zeitpunkt niemand mehr bezweifelt: Glockwork Posse ist der Gewinner der Nacht, der „German Top Killer“.

Für den Sound aus dem bayerischen Rosenheim ist es die dritte Trophäe, die sich MC und Mitbegründer Andi neben seinen Fernseher stellen darf. Eine Zeit lang hatte er nicht mal einen. „Einmal hatte er die Wahl, zwei Morgan Heritage-Dubplates zu voicen oder einen Fernseher zu kaufen. Da hat Andi erst mal auf seine Unterhaltung verzichtet“, lacht Selector Marco Mabless. Was wie eine witzige Anekdote klingt, ist Spiegel dessen, was Glockwork Posse ausmacht. Im Gespräch ist oft von „Commitment“, also Engagement, Verpflichtung, Einsatz die Rede und nicht selten fällt das Wort „Anspruch“. Der ist bei allen Beteiligten hoch. Es geht um Authentizität, darum sowohl auf dem Dance als auch beim Clash eine perfekte musikalische wie inhaltliche Darbietung zu liefern und nicht zuletzt „Dubs mit Hirn zu cutten“. Doch wer denkt, die Glockworker seien verbissen, der irrt. Seinem eigenen Anspruch als MC wurde Andi nämlich nicht immer gerecht, was er lachend zugibt, als er den Beginn des Sounds 2009 beschreibt: „Ich ging regelmäßig ins Rosenheimer Hole, wo Steve Dizzle als Selector jahrelang Warm-Up und Aftershow spielte. An einem Abend hat er den Club schier zerlegt. Als ich ihn fragte, warum er nicht mehr daraus macht, meinte er, ihm fehle der MC. Daraufhin ich: ‚Ab morgen bin ich dein MC.‘ Die Stimmung war gut und ich dachte mir, das läuft schon.“ Tatsächlich lief es erst mal nicht. Bei der hartgesottenen Rosenheimer Massive erschwieg sich Andi zunächst den Ruf als „MC Silent“, weil er eben mehr als nur „Hände in die Luft“ skandieren, sondern wie seine Vorbilder „eine Geschichte erzählen, über den Abend die Tunes und deren Inhalt verkaufen“ wollte, jedoch bei Steve Dizzles rasantem Juggling gar nicht dazu kam. „Bis ich mir überlegt hatte, was ich zu einem Song sagen kann, hatte er schon den nächsten gemixt.“

Steve Dizzle ist ebenfalls uneitel, wenn er zugibt: „Ich ärgere mich pervers, wenn der Übergang nicht so ist, wie ich mir das vorstelle.“ Sein Perfektionismus kompensierte anfangs Andis Schweigen, bis dieser und das dritte Gründungsmitglied Grex sich eingespielt hatten. Darüberhinaus bescherte er dem Sound von Anfang an eine eingefleischte Fangemeinde sowie mit „Dancehall Circus“ eine heute legendäre Mixtape-Reihe.

Von Anfang an überzeugend waren auch die Dubplates. Schon kurz nach der Gründung begann die Posse, erste personalisierte Versionen von Songs aufzunehmen, und überraschten damit beim E-Clash von dancehallmusic.de. Trotz der damals noch überschaubaren Box gewannen sie zwei Mal alle Runden, sorgten unter anderem mit ihrem Eminem-Cover von Dr. Evil für Furore und mussten sich erst im Finale geschlagen geben. Daneben gelang es ihnen 2011 als Erste, Method Man und Redman für das Blueprint von „Da Rockwilder“ vors Mikro zu holen. „Wir wollten unsere Dubplates nicht nur auf der Party spielen. Wir haben von Anfang an Selections gevoict, eigene Texte geschrieben, uns viele Gedanken über sinnvolle Combinations gemacht. Der Anspruch war, eine Clash-Box zu bauen.“ Mit diesem Ziel ging Andi 2012 nach Jamaika. Wo andere am Strand liegen, schaffte er es in drei Monaten genau fünf Mal ans Meer. Die restliche Zeit verbrachte er im Studio – oder davor. „Auf Damian Marley habe ich einmal sechs Tage im Auto gewartet.“ Für die Geduld und die lange Spesenrechnung seines Fahrers wurde Andi am Ende belohnt mit individuellen Lyrics, einer der größten Glockwork-Hymnen und nicht zuletzt dem Erlebnis, bei den Aufnahmen von „Welcome To Jamrock“ im Tuff Gong Studio persönlich dabei zu sein. Weitere Highlights der Reise waren die Zusammenarbeit mit Ken Boothe, der nicht nur sang, sondern auch kochte, sowie eine sechsstündige Session mit Beres Hammond. Andi verbrachte die halbe Nacht in dessen Harmony House-Studio, lauschte in den Aufnahmepausen Beres‘ Anekdoten und erhielt am Ende ein ganz spezielles Dubplate, in dem die Kochkünste der einstigen Glockwork-Selectress Mumma K gelobt werden.

Auch der damals noch bei der Konkurrenz tätige Hägi Royal erinnert sich an den Trip auf die Insel: „Gefühlt ging nach Andis Jamaikaaufenthalt ein Raunen des Respekts durch die Münchener Szene. Es war klar, dass er mit einer vollen Box wiederkommen würde.“ Erstmals präsentiert wurde diese beim „Vienna Border Clash“, wo man als Außenseiter gegen die Locals Irie Sound im Finale nur knapp am letzten Song scheiterte, aber viel Anerkennung erntete. Den ersten Sieg gab es Mitte 2017 beim „Benztown Clash“ in Stuttgart, wo die Bayern ebenfalls als Underdog antraten, um dann mit einem Walkover gegen Keep It Real zu triumphieren. Schon damals am Polieren der Dubplate-Box beteiligt war Hägi Royal, der sich der Posse als passionierter Riddim-Sammler, Multiinstrumentalist und sound-technische Allzweckwaffe angeschlossen hatte. Offiziell vorgestellt wurde er dem Publikum als neues Mitglied beim „War Pon De River“-Clash im österreichischen Fieberbrunn, wo Glockwork im Tag Team mit Fenshi Sound gegen die Schweiz die Bühne mit einem klassischen Lockoff verließ. Neben Hägi ist Glockwork Posse inzwischen um vier weitere Mitglieder gewachsen. Nachdem Mumma K und Grex aufgehört hatten, stieß 2016 mit Marco Mabless ein ebenso versierter wie engagierter Roots- und Geschichtsspezialist zum Sound. Außerdem zählen Stoffl The Manager und die in Port Antonio lebenden Jamaikaner Denzel und Bredda zum Sound, die eine eigene Anlage mit zwölf Bassröhren und zehn Mitten und Höhen mitgebracht haben.

Mit nun sieben Mitgliedern ist der Output ebenso vielfältig wie seine Charaktere. Man kann in verschiedenen Konstellationen spielen und begeistert nicht nur bei Clashes, sondern gleichermaßen mit der Partyreihe „Jamaican Ting“, die Glockwork gemeinsam mit Blazing Tiger, Mortal Kombat, Cosmohouse und Element Sound im Münchener Kult-Club Backstage betreiben. Nach der Feier zum zehnjährigen Jubiläum steht ab Januar in der Muffathalle darüber hinaus eine zweite Veranstaltungsserie an, die zwar in klassischer Dancehall-Manier daherkommen, aber musikalisch neben jamaikanischen Stilen auch Afrobeats und Hip Hop für ein breiteres Publikum beinhalten wird. Sogar Klamotten, Online-Entertainment und ein Lifestyle-Blog geistern als Ideen umher, um Glockwork weiter als Marke zu etablieren. ★

Dates und aktuelle Infos gibt es auf glockwork.com.

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