Reality Check
Der Plan war – schlechter globaler Prognosen zum Trotz – mit einer gehörigen Portion Optimismus ins neue Jahrzehnt zu starten. Was hat man schon zu verlieren? Glaube versetzt Berge, heißt es. Doch manchmal werden Pläne von Ereignissen durchkreuzt, denen wir macht- und hilflos gegenüberstehen. So geschehen bei der nur zum Teil der Natur zuzuschreibenden Katastrophe der jamaikanischen Nachbarinsel Haiti, die auch zwei Wochen später noch ein globales Gefühl von Entsetzen und Trauer auslöst. Bei dem Ausmaß der Verheerung macht es Sinn, sich des biblischen Bilds der Apokalypse zu bedienen. Doch wenn als Erklärungsmuster ein Pakt mit dem Teufel herangezogen wird, den die Haitianer vor über 200 Jahren geschlossen hätten, um sich von den Franzosen zu befreien, werden Opfer zu Tätern gemacht. So geschehen im amerikanischen Fernsehen, wo Pat Robertson – Vorsitzender des Christian Broadcasting Network – diesen groben Unfug vom Stapel ließ. Dabei wurde das Schicksal Haitis mitnichten durch einen Pakt mit dem Teufel besiegelt, auch wenn der Teufel in Form der ehemaligen Kolonialherren seine Finger im Spiel hatte. Diese wurden von den Haitianern zwar erfolgreich in die Flucht geschlagen, nötigten ihnen aber 1838 für die gewonnene Freiheit 90 Millionen Gold-Franc als Reparations(!)-Zahlungen ab. Seither steckt Haiti in der Schuldenfalle, wovon vor allem Industrienationen durch aufgenötigte Importe profitieren. Auch Nachbar Jamaika ist pleite, der Internationale Währungsfond (IWF) hat bereits einen Milliarden-Kredit zugesagt, der auch die Auslandsschulden mit abdecken soll. Doch bei einer Katastrophen wie dem haitianischen Erdbeben spielt die eigene finanzielle Misere eine untergeordnete Rolle; Jamaika hilft, wo es kann, nimmt bereitwillig Nachbarn auf und könnte selbst zum Einwanderungsland werden... Vorausgesetzt die beiden stärksten Wirtschaftszweige Musik und Tourismus werfen auch in Zukunft noch genügend Geld ab, sei es um anderen zu helfen oder Kredite zurückzuzahlen... Denn durch die nicht abreißenden Attacken gegen jamaikanische Musik, die Ulli Güldner in seinem vor Recherche berstenden Artikel über die Indizierung von Reggae-Platten aufrollt, könnte es schwierig werden. Dabei geht es – like it or not, liebe Titanic – längst nicht mehr um die Frage, wie man zu Homophobie steht. Denn wenn in der hiesigen Medienlandschaft offenbar ohne jegliche Recherche unhaltbare, nur durch Hörensagen aufgeschnappte Vergleiche mit dem Holocaust und Pogromen wiedergekäut werden, könnte es auch mit dem Tourismus als bitter nötige Einnahmequelle bald vorbei sein.
Wir sind bei allen Optimismus-Erschütterungen naiv genug zu glauben, dass unsere Berichterstattung hilft, den Ruf eines Landes zu retten, das hierzulande keinerlei Lobby hat und möglicherweise auch deswegen ein gefundenes Fressen ist für die Agenda gewisser Interessenverbände. Wie wäre es mit Mr. Vegas, der so manchen Rückschlag, geschäftlicher wie gesundheitlicher Natur, einstecken musste, aber trotzdem den Glauben nicht verloren hat? Oder mit Pablo Moses, einem der letzten Revolutionäre des Reggae? Oder mit der Leserpoll-Auswertung, deren nur zum Teil vorhersehbaren Ergebnisse die letzten zwölf Monate und gleich das ganze vergangene Jahrzehnt in Form von Listen zu bewältigen versucht? Oder, oder oder...
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