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     Burning & Lootin' – Kingston brennt  
  Text von Ellen Köhlings  
  25.05.2010 - Seitdem der jamaikanische Premierminister der Auslieferung des Area Dons von Tivoli Gardens, Christopher „Dudus“ Coke, stattgeben hat, kommt es in der Hauptstadt zu blutigen Aufständen. Mit Straßensperren und Barrikaden riegeln der Bewohner ihre Ghetto-Community ab, wo sich laut der jamaikanischen Presse Dudus versteckt halten soll.

Panzer und Jeeps des Jamaican Defence Force patrouillieren in den Straßen. Statt wummernde Bässe bilden Schüsse den Soundtrack von Westkingston. Schwer bewaffnete Männer überfallen Polizeistationen und zünden sie an. Ihr eigentliches Ziel ist die jamaikanische Militärpolizei, die letzte Nacht eine blutige Offensive gegen die Gangmitglieder geführt hat. Bisher soll es vier Tote gegeben haben. Die Regierung hat für Kingston und angrenzende Bezirke den Ausnahmezustand ausgerufen.
Seit Monaten schindet die jamaikanische Regierung JLP den Auslieferungsantrag der USA für Dudus hinaus, der in internationale Drogen- und Waffengeschäfte verwickelt sein soll. Als Begründung führt Premierminister Bruce Golding an, dass die von den US-Behörden vorgelegten Beweise mit Abhörgeräten aufgenommen worden seien und deswegen in Jamaika nicht verwertbar seien. Der Druck der USA Dudus auszuliefern wird von Woche zu Woche größer. Genauso wie die Skepsis, dass die jamaikanische Regierung einen Kriminellen deckt und sich damit selbst strafbar macht. Hinzu kommt, dass Bruce Golding – nicht als Premierminister, sondern als Parteiführer der JLP, wie er betonte – zur Verteidigung von Dudus eine amerikanische Anwaltskanzlei eingeschaltet hat. In der jamaikanischen Gesellschaft werden daraufhin mehr und mehr Stimmen laut, die den Rücktritt Goldings fordern. Doch laut dem Premierminister habe seine Partei seinen angebotenen Rücktritt nicht akzeptiert. Um sein Gesicht zu wahren – was zu diesem Zeitpunkt eigentlich gar nicht mehr möglich ist – wendet er sich kurz darauf voller Demut mit einer Rede an die Bevölkerung, die nur so vor religiösen Metaphern trieft und in der er um Vergebung bittet. Im Grunde zwingt ihn das jamaikanische Volk und sein unbedingter Wille, weiterhin Premierminister bleiben zu wollen, dem Auslieferungsantrag der USA stattzugeben.

Tivoli Gardens, die vielzitierte „Mutter aller Garrison Communities“, ist der Wahlkreis von Bruce Golding. Garrison Communities sind eng mit einer bestimmten politischen Partei verbunden. Doch die Regierung hat sich aus diesen Ghetto-Vierteln längst verabschiedet und hat selbst ernannten Area Dons das Feld überlassen; man kann von einem Staat im Staat sprechen. 43 Jahre lang unterstand der Wahlkreis Tivoli Gardens dem ehemaligen JLP-Premierminister Edward Seaga.
Die Verbindung von Politikern und Area Dons ist nicht neu. Garrison Communities sind dadurch entstanden, dass die Politker Wohnungsbauprojekte nur an treue Wähler vermietet haben, um so zu gewährleisten, dass ihnen bei Wahlen das jeweilige Stadtviertel sicher ist. Die Area Dons sorgen während der Wahl dafür, dass die Bewohner für die – in diesem Falle – JLP stimmen.
Dudus ist der Area Don von Tivoli Gardens, der wohl mächtigste Don Jamaikas. Er ist der Sohn des berühmt berüchtigten Lester Lloyd Coke, besser bekannt als Jim Brown, einer der Führer der Shower Posse, einer der weltweit gefährlichsten Gangs. Über 1.000 Menschen sollen durch die Shower Posse ihr Leben verloren haben. Jim Brown verbrannte 1991 unter mysteriösen Umständen in einer Gefängniszelle in Jamaika, kurz bevor er an die USA ausgeliefert werden sollte. Wie heute bei seinem Sohn musste damals befürchtet werden, dass er über die politischen Verbindungen auspackt. Jim Brown war einst Bodyguard von Edward Seaga.
Im Vergleich zu anderen Area Dons hält sich Dudus lieber im Hintergrund. Er gilt als erfolgreicher Geschäftsmann, der jährlich Millionen Jamaika-Dollar mit Staatsaufträgen verdient haben soll. Seine Gang – offizielle heißt es Entertainment Company – Presidential Click organisiert Shows und Partys. Dazu gehört der wöchentliche Street-Dance Passa Passa, für die Bewohner Tivolis eine wichtige Einnahmequelle, die jährliche Show „Champions in Action“ und das Wohltätigkeitskonzert „West Kingston Jamboree“, bei dem die ehemals verfeindeten Dancehall-Deejays Vybz Kartel und Mavado angeblich auf Dudus' Betreiben hin im vergangenen Dezember Frieden schlossen. Laut Polizeiquellen verfügt Dudus über ein Netzwerk von Kriminellen in Jamaika, anderen Karibikstaaten, Nordamerika und England.
Dudus ist sowohl Gangsterboss als auch Wohltäter. Die Bevölkerung Tivoli Gardens sieht jedoch über seine kriminellen Machenschaften hinweg, weil er sich um die Leute in seinem Viertel kümmert, Arztrechnungen und Schulgeld bezahlt, für Frieden in den Straßen sorgt und auch sonst wie ein ungewählter Volksvertreter agiert – daher auch der Spitzname „The President“. Wie viele andere so genannten Ghettos ist auch Tivoli von sämtlicher Infrastruktur abgeschnitten, die Regierung und die oberen Schichten Jamaikas haben diese Stadtteile von Kingston sich selbst überlassen. Viele arme Menschen in Jamaika sind abhängig von Leuten wie Dudus und können daher gar nicht anders als sich auf seine Seite zu schlagen. Viele dieser Leute sagen, dass die wahren Gangster im Parlament säßen und dass Dudus ein Held sei.

Generell ist das Land in Bezug auf Dudus aber sehr gespalten. Wie man zu ihm steht, hängt nicht zuletzt davon ab, wie und wo man lebt. Es ist interessant zu beobachten, dass sich die Anhänger der beiden verfeindeten politischen Lager JLP und PNP (People's National Party) – ihre Garrison Communities gehen zum Teil ineinander über – im Kampf gegen den Staat, gegen die Sicherheitskräfte zusammenschließen. Das zeigt, dass es in Jamaika möglich ist, politische Gräben zu überwinden. Wichtig ist, dass sich die jamaikanische Presse bisher nicht auf eine politische Seite geschlagen hat, dass man von einer freien Presse sprechen kann und dass sich eine gerade erst im Entstehen begriffene Zivilgesellschaft, vielleicht eine Art bürgerliche Mitte aus Kirchen- und Medienvertretern, Geschäftsleuten, Intellektuellen etc., zusammengeschlossen hat, um sich gegen das wohl größte Übel der jamaikanischen Gesellschaft auszusprechen, gegen die Verbindung der Politik mit den Gangs. Ironisch ist nur, dass eben dieser Bruce Golding gestern in der jamaikanischen Tageszeitung The Gleaner verlautbaren ließ: „Wir sind an einem Wendepunkt als Nation angekommen und müssen den Kräften des Bösen entgegentreten, die unsere Gesellschaft bestraft und dazu geführt haben, dass wir das unrühmliche Etikett Mordhauptstadt der Welt tragen. Wir müssen diesen kriminellen Elementen mit bedingungsloser Entschlossenheit begegnen.“

Aktuelle Infos unter www.jamaica-gleaner.com und www.jamaicaobserver.com

 
     
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